Der bei den Einheimischen und ihren Gästen seit jeher beliebte Historische Tanzball darf auch 2026 nicht fehlen im Programm des Wittenberger Renaissance Musikfestivals – erst recht nicht, weil das Festivalmotto »Renaissance küsst Tango« heißt! Durch das Ballvergnügen des führen wie gewohnt zwei Tanzmeister mit Charme, Glamour und Ideen: Mareike Greb und Mark Frenzel leiten vier gemeinsame Tanzrunden an.
Unerlässlich am Wittenberger Ballabend ist die authentische Live-Musik, gespielt von Experten für historische Tanzweisen: The Playfords geben sich auch in diesem Jahr wieder die Ehre. Thematisch tragen alle Mitwirkenden ihre Sichtweisen zum Festivalmotto bei – mit einer tiefen Verneigung vor John Dowland, dessen Todestag sich im Februar zum 400. Mal gejährt hatte. Die Tänze sind auf diesen Themenkomplex abgestimmt, der auch jede Menge Raum für die Freude an der Bewegung lässt – und für die Freude an der Tanzbarkeit von John Dowlands Musik!
Apropos Tanzen: Bei jeder Musik und für jedes historische Ensemble ist es essenziell, auf die Füße der Tanzenden zu sehen, um das Wesen der verschiedenen Tänze durchdringen und musikalisch darstellen zu können. The Playfords gründeten sich vor 25 Jahren als Tanzband und sammeln seitdem Inspirationen – auch beim alljährlich beim Wittenberger Renaissance-Tanzball! Die Tanzenden wiederum erleben von Jahr zu Jahr und von Strophe zu Strophe, wie facettenreich die Tänze sich anfühlen, wenn The Playfords unermüdlich affektieren und improvisieren: ein Feuerwerk der Wechselspiele.
Spannend wird es in diesem Jahr, wenn The Playfords rhythmische Farben und Muster des Tangos ins Spiel bringt. Einige Elemente haben die Renaissance-Tänze mit dem Argentinischen Tango nämlich durchaus gemeinsam, etwa die Dissoziation vom aufrechten Oberkörper und den eleganten Beinen – oder anders ausgedrückt: ihr Unabhängigkeit voneinander. Beide Tanzstile, Renaissance und Tango, bestehen im Wesentlichen aus der Variation eines einzigen Schritts, bei John Playford »Singles« und bei Thoinot Arbeau »Simples« genannt. Das Caminar im Tango, also das Gehen, haben die italienischen Renaissance-Tanzmeister Fabritio Caroso und Cesare Negri mit »Passo grave« – hier soviel wie würdevolles Schreiten – und John Playford mit »Walking Step« bezeichnet. Bei anderen Tänzen wie Branlen und bei Boleos oder Ganchos vollziehen die Beine schwindelerregende Verzierungen.
Zwischen den Tänzen lassen The Playfords unterhaltsame Melodien erklingen wie »Tango vivray« von Claudin de Sermisy, »Por una Cabeza« von Carlos Gardel und »Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger« von Friedrich Hollaender mit Björn Werner als Cantor de Tango, der als passionierter Tango-Tänzer die Mugre – den »Dreck« – und die Narben der Seele darzustellen weiß.
Fantasievolle Gewänder und Vorkenntnisse im historischen Tanz sind wie immer erfreulich, aber keine Bedingung für die Teilnahme. Wer sein Debüt auf dem Tanzparkett längst hinter sich hat, wird sich über seine Lieblingstänze freuen und Gleichgesinnte treffen. Ebenso willkommen sind alle Gäste, die eine rauschende Ballnacht mit historischen Tänzen zum ersten Mal erleben. Ihnen wird empfohlen, die Tanzschritte des Abends tagsüber in den Kursen zu studieren, um sich anschließend perfekt vorbereitet ins Vergnügen zu stürzen.
Mareike Greb ist Tänzerin, Musikerin und Schauspielerin. Sie lebt in Leipzig. Nach einer Ballettausbildung begann sie sich bereits mit 16 Jahren der historischen Tanzkunst und Aufführungspraxis zu widmen und lernte neben ihrer Mitgliedschaft im saarländischen Ensemble Tourdion bei Lieven Baert, Véronique Daniels, Markus Lehner, Barbara Sparti, Kaj Sylegard, Béatrice Massin und anderen. Mareike Greb leitet mehrere Ensembles und unterrichtet an der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« in Leipzig. Solistisch und in verschiedenen Besetzungen sowie als Leiterin von Tanzkursen ist sie national und international tätig. Sie wirkte unter anderem beim Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik LivFe! mit, beim Festival für Alte Musik Knechtsteden, bei den Tagen Alter Musik in Bamberg, beim Baroque Trust of New Zealand und beim Heinrich Schütz Musikfest in Weißenfels. Zudem war Greb für das Zentrum für Alte Musik Köln und das Händelhaus Halle tätig. Seit ihrem Studium der Theaterwissenschaften, Musikwissenschaften und Komparatistik an der Universität Leipzig beschäftigt sich Mareike Greb auch in wissenschaftlicher Hinsicht intensiv mit den Tänzen des Mittelalters bis zum Barock, rekonstruiert sie aus historischen Quellen und verbindet Theorie und Praxis zu fundierten Bühnenkonzepten, in denen stets der Kontakt zum Publikum gesucht wird.
Seit Anfang der 90er Jahre begeistert sich Mark Frenzel für die höfischen Tänze von der Renaissance bis zum Frühbarock. Für den Ökologen, der am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle (Saale) arbeitet, ist der historische Tanz »ein wundervoller Ausgleich und eine besondere Leidenschaft«. In Bayreuth gründete Mark Frenzel 1991 seine erste Tanzgruppe. Seit 1996 gibt er in Halle regelmäßig Kurse zu historischen Tänzen aus Italien, Frankreich, England und Spanien. Aus den Tanzgruppen entstanden die Formationen Spettacolo Cortigiano (Bayreuth) und SchlossDantz (Halle). In diesem Zusammenhang richtete Frenzel die Webseite www.schlossdantz.net ein, wo unter anderem alle Choreografien aus dem Repertoire der Tanzgruppe SchlossDantz zu finden sind. Eine ihrer zentralen Aktivitäten ist die Ausrichtung des Playford-Balles in Halle, der als Gesamtkunstwerk mit Tanz, Musik, Theater und historischen Leckereien seit 2004 stattfindet und Teilnehmer aus ganz Deutschland anzieht. Tänzerische Inspirationen erhält Mark Frenzel bei Tanzkursen in Deutschland und Italien bei verschiedenen Dozenten, unter anderem bei Lieven Baert, Markus Lehner, Kaj Sylegard, Gloria Giordano und Veronique Daniels.
Tanzbar, ausdrucksstark, gut recherchiert und nonchalant der heutigen Zeit verhaftet: The Playfords sind eines der wenigen Alte-Musik-Ensembles, die aus dem Stegreif auf der Bühne improvisieren und auf diese Weise die historisch informierte Aufführungspraxis aufleben lassen. Inspiriert von der Musik, der Literatur und vom Lebensgefühl des 16. und 17. Jahrhunderts verweben sie diese Traditionen unter dem Motto »Inspired Early Music« zu einem Gesamtkunstwerk aus Alter Musik, Folk, Jazz, Weltmusik, Poesie und Tanz.
Das fünfköpfige Ensemble wurde 2001 in Weimar gegründet, angeregt durch »The English Dancing Master« von John und Henry Playford. In dieser 1651 erstmals erschienenen legendären Sammlung, dem »Real Book« seiner Zeit, sind bekannte Melodien mit passenden Tanzanweisungen notiert, allerdings ohne Arrangement. Harmonien, Basslinien und Variationen wurden dereinst improvisiert und stark beeinflusst von den Vorlieben und dem Talent der Ausführenden. Eine virtuose und kreative Herausforderung für jeden Musiker – damals wie heute. The Playfords, allesamt Spezialisten ihres Fachs, stellen sich mit ihrer spielerischen Herangehensweise dieser Tradition.
The Playfords konzertierten unter anderem beim Festival Oude Muziek Utrecht Fringe, bei der Staufener Musikwoche, beim MDR-Musiksommer, im Gewandhaus Leipzig, in der Berliner Philharmonie und auf Einladung des Goethe-Instituts an mehreren Orten in Weißrussland. 2015 vertraten sie das Bundesland Thüringen auf der Expo in Mailand. Sechs Playfords-Konzertprogramme erschienen bei Coviello Classics, Raumklang und Deutsche Harmonia Mundi auf CD.
Mit dem jährlich stattfindenden »playground festival of early music folk« in Weimar schufen The Playfords ein Forum, das verschiedene innovative Herangehensweisen an die sogenannte Alte Musik bündelt und europäische mit außereuropäischen Musiktraditionen in den Dialog treten lässt. Tanz- und Improvisationsworkshops und Alte-Musik-Jam-Sessions runden das Programm ab.




